Die deutsche Präsenz in Brasilien von 1500 bis 1824

 

Als ich den Titel des vorliegenden Werks „Die Deutschen in Brasilien – 180 Jahre – 1824-2004“ las, wünschte ich mir, daß man ihn ändert, da man objektiv von einer deutschen Anwesenheit in Brasilien und einem deutschen Beitrag zur Bildung der brasilianischen Nation seit der Entdeckung des Landes durch die Portugiesen im Jahr 1500 sprechen muß. Deshalb ist es wichtig, daß hier auch Platz für die deutsche Präsenz von der Kolonialzeit bis zum Kaiserreich ist.

 

Machen die Menschen, die mindestens einen deutschen Vorfahren haben, im heutigen Brasilien mehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus, so kommt diese Zahl zwar bei weitem nicht an diejenige der USA heran, wo die Deutschen nicht nur laut US Census 2000 mit fast 43 Millionen (ohne Österreicher und andere Deutschsprachige) und 15,2%  offiziell die größte geschlossene ethnische Gruppe stellen. Sie sind dort auch mit rund einem Drittel aller Amerikaner die angeben, mindestens einen deutschen Vorfahren zu haben, generell am stärksten vertreten. In Brasilien sind Prozentsatz und Zahl der Deutschstämmigen ungleich kleiner, aber ohne ihren Beitrag ist die Komplexität der brasilianischen Geschichte, Kultur und Identität nicht zu verstehen.

 

Bereits seit 1489 gab es in Lissabon, Portugal, eine ständige Garnison deutscher Artilleristen oder „Büchsenschützen“ , die besondere Vorrechte hatte und an allen großen Entdeckungsfahrten der Portugiesen teilnahm. Diese Deutschen erreichten mit der Flotte Cabrals Brasilien. Das waren aber nicht die einzigen Menschen aus Deutschland, die am 22. April 1500 mit Pedro Álvares Cabral in der Bucht von Porto Seguro, Bahia, landeten. Der wissenschaftliche Berater, Nautiker und Arzt Meister Johann  - Familienname wahrscheinlich Emenelaus oder Emmerich - war ebenso dabei wie der deutsche Koch Cabrals. Meister Johann schrieb am 28. Mai 1500, Tage vor Pero Vaz de Caminha, einen Brief an König Emmanuel I., in dem er u.a. das „Kreuz des Südens“ benennt und wissenschaftlich erläutert, so berichten die portugiesischen Historiker Frazão de Vasconcellos und Pedro Calmon.

 

Die ersten Deutschen, die sich planmäßig in Brasilien niederließen, kamen bereits 1532  mit Martim Afonso de Sousa nach São Vicente, laut Schiffsbucheintragung wurden sie an erster Stelle genannt, neben Italienern und Franzosen. Sie nahmen u.a. teil an der Gründung der ersten landwirtschaftlichen Siedlung Brasiliens.

 

Unvergessen ist Hans Staden, der 1557 die ersten Dokumente über Fauna und Flora, sowie über die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Brasilien lebenden Indianervölker hinterlassen hat. Die ältesten Bilder und das erste Buch von Brasilien und von seiner Urbevölkerung stammen von dem deutschen Landsknecht aus Homberg an der Efze, Hessen. In dem Film „Hans Staden“von Luis Alberto Pereira wird eindrucksvoll auf sein Leben im Brasilien jener historischen Epoche aufmerksam gemacht.

 

Ulrich Schmiedel aus Straubing, Bayern, leistete ebenfalls einen wertvollen Beitrag zur brasilianischen Frühgeschichte, er ist für die La-Plata-Staaten von ähnlicher Bedeutung wie Hans Staden für Brasilien. Seine 1567 in Frankfurt a.M. erschienene „Wahrhaftige und liebliche Beschreibung etlicher fürnehmer indianischen Landschaften“ hat als Quellenwerk für die frühkolonialen Zustände in Brasilien hohen Wert.

 

Heliodor Eoban Hesse ist als Miteroberer und Mitbegründer Rio de Janeiros anzusehen. Er war in São Vicente als kaufmännischer Leiter der Niederlassung der Adorno gewesen, hatte dort auch Hans Staden kennengelernt. Als Verbündeter Estácio de Sás nahm er an den Kämpfen gegen die Franzosen in Rio de Janeiro teil, bei denen Estácio de Sá fiel, Hesse wurde jedoch nach dem Sieg am 20. Januar 1567 zum Mitbegründer des zweiten São Sebastião do Rio de Janeiro.

 

Ab 1535 erfolgte die Einwanderung deuscher Kaufmanns- und Reederfamilien in Brasilien, so wanderte Arnual von Holland, Stammvater der Familie Holanda ein, er war Zuckerrohrpflanzer und Eigentümer von Zuckermühlen bei Olinda, Pernambuco. 1545 befindet sich Seebald Lins in Brasilien, der Stammvater der Familie Lins. Er arbeitete als Reeder und Außenhandelskaufmann für Zucker, Brasilholz und Baumwolle aus Pernambuco. Die Kaufmannsfamilie von Hutter wanderte ebenfalls in jener Zeit nach Brasilien aus,  ihr ins Portugiesische übersetzter Nachname wurde zu „Dutra“.

 

Gegen 1600 erfolgte die erste Bandeirantes-Expedition ins Hinterland von São Paulo. 1601 fand eine Expedition unter Führung des Deutschen Jost ten Glimmer und des deutschen Bandeiranten Pedro Taques statt.

 

Moritz Graf von Nassau-Siegen-Dillenburg, landete 1637 in Recife, Pernambuco im Auftrag der holländischen Westindischen Kompanie. Er machte aus Recife die modernste Stadt ganz Amerikas, die von ihm mitgebrachten deutschen Gelehrten und Forscher lieferten Europa die ersten wissenschaftlichen Mitteilungen über Brasilien und seine Bevölkerung. Die brasilianische Nation verdankt ihnen den ersten grundlegenden Beitrag zu ihrer geistig-wissenschaftlichen Entfaltung und damit Bildung eines nationalen Selbstbewußtseins. Politische, völkische und religiöse Toleranz lange vor der „offiziellen“ Gründung einer Freimaurerloge im Jahr 1717 in England, Förderung von Wissenschaft und Kunst, ein „Goldenes Zeitalter“ für den brasilianischen Nordosten – das waren die Kennzeichen der Regierung Moritz´ von Nassau, bis zu seiner Rückkehr in die deutsche Heimat 1644. Auch die kürzlich wiederentdeckte erste Synagoge ganz Amerikas wurde unter dem deutschen Grafen damals in Recife errichtet.

 

1648 gab Georg Markgraf, der erste Naturforscher aus dem Gefolge des Moritz von Nassau, seine „Historia Naturalis...“ heraus.

 

1660 kam der Benektdiner-Mönch Richard von Pilar in Rio de Janeiro an. Er gilt als Begründer der brasilianischen Malkunst. Kunstexperten sehen in seinen Werken u.a. „einen leisen Hauch der alten großen Kölner Malschule“.

 

Das erste brasilianische Schiff, eine Fregatte, wurde 1668 in Maranhão in der Werft des Kasper Werneck und des Simão Ferreira Coimbra gebaut.

 

Eleodor Ebano, ein Enkel Heliodor Eoban Hesses, gründet Nossa Senhora da Luz dos Pinhais, das spätere Curitíba, das 1668 zum Landstädtchen (Vila) erhoben wird. Er gilt als der Eroberer Paranás.

 

1684 erhob sich die brasilianische Bevölkerung in São Luiz, Maranhão, erstmals gegen die portugiesische Unterdrückung, angeführt wurde sie vom deutschen Pflanzer und Stadtverordneten Emanuel Beckmann (Manuel Bequimão).

 

1685 erreichte die Jesuitenarbeit in Brasilien ihren Höhepunkt, deutsche Jesuiten errichteten den „Maynastaat“ am oberen Amazonas, 1690 gab Johann Philipp Bettendorf seine „Chronica...“ über den Maynastaat heraus. 1696 erschien die Reisebeschreibung des Anton Sepp von und zu Rechegg über die Guarani-Indianer im Dreiländereck Brasilien. Paraguay, Argentinien.

 

Pater Eusebius Nierenberg gab das erste Werk in der Guaranisprache heraus, 1705 errichtete er in den riograndenser Missionen, São Miguel, die erste Druckerei und druckte dort das erste Buch auf brasilianischem Boden. Rund die Hälfte der bis zum Verbot des Ordens tätigen Jesuiten in Südamerika war aus dem deutschen Sprachraum.

 

1707 erstellte  Pater Samuel Fritz aus Trautenau, Sudetenland, die erste Karte des Amazonas. Das Werk des deutschen Jesuiten wurde noch bis Anfang des 20. Jhds. wegen seiner bis dahin unübertroffenen Genauigkeit benutzt.

 

1767 wurde Johann Heinrich Böhm Kommandant aller Truppen im „Estado do Brasil“, die Preußische Heeresreform wurde eingeführt. Der als „Befreier von Rio Grande do Sul“ bezeichnete Offizier verteidigte Südbrasilien erfolgreich gegen die Spanier. Im Siebenjährigen Krieg hatte er unter dem Grafen Lippe, einem Verbündeten Friedrichs des Großen, seine militärischen Erfahrungen sammeln können, die nun Brasilien zugute kamen. Er ist der Gründer der brasilianischen Armee.

 

1808 floh der portugiesische Hof vor Napoleon nach Rio de Janeiro, Brasilien. Unter den 15.000 Beamten und Offizieren, Wissenschaftlern und Fachleuten aller Gebiete sowie Künstlern waren ebenfalls Menschen aus dem deutschen Sprachraum. 1810 wurde die Militärakademie von Wilhelm Ludwig Freiherr von Eschwege und von Francisco de Borja Garção Stockler gegründet.

 

Von Eschwege weihte 1812 auch die „Patriotische Fabrik“, das Eisenhüttenwerk in Congonhas do Campo, Minas Gerais ein. Er gilt als Begründer der brasilianischen Schwerindustrie und bedeutendster Unternehmer Brasiliens zu Beginn des 19. Jhds., sowie als „Patriarch der brasilianischen Geologie“. 1814 errichtete Daniel Peter Müller in São Paulo die erste Waffenschmiede des Landes.

 

Maximilian Prinz von Wied-Neuwied (Max von Braunsberg) erreichte 1815 Brasilien. Er erforscht Tiere und Pflanzen im Landesinnern von Minas Gerais, studiert die  Sprachen, Sitten und Bräucher ansässiger Indianerstämme und gibt die erste Monographie eines brasilianischen Volkes heraus, der Botokuden-Indianer.

 

1816 kam Sigismund Ritter von Neukomm nach Brasilien, er gilt als Bahnbrecher brasilianischer „Modinhas“ in Konzerten und übte als Musiklehrer großen Einfluß aus.

 

Mit der Fernheirat der Erzherzogin Leopoldine von Habsburg mit Kronzprinz Peter von Bragança 1817 beginnt ein neues Kapitel in der brasilianisch-deutschen Geschichte. Die Bedeutung von Leopoldine, die sich selbst als „deutsche Prinzessin“ bezeichnete, kann für Brasilien gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Die brasilianische Nation verdankt ihr die Unabhängigkeit von Portugal. Unter ihrem Vorsitz wurde der einstimmige Beschluß des Staatsrats abgefaßt; ihr Schreiben an Pedro I. bedeutete den letzten Schritt für die Eigenstaatlichkeit Brasiliens. Sie ist ohne Zweifel die größte Frauengestalt der brasilianischen Geschichte.

 

Die brasilianische Fahne ist Ausdruck der glücklichen Vereinigung zweier Dynastien. Das Grün steht für das Haus Bragança Dom Pedros, das Gelb für das Haus Lothringen-Habsburg, denn aus diesem stammte Leopoldines Vater, der deutsche Kaiser Franz II. und spätere Kaiser von Österreich Franz I. Als Symbole der Unabhängigkeit, die von Brasiliens Monarchen erstritten wurde, bestehen Gelb und Grün als Nationalfarben auch der Republik. Wo, bitte, wird das an brasilianischen Schulen gelehrt? Oder sollte man andersherum fragen: Warum eigentlich nicht?

 

1819 gründen Deutsch-Schweizer die Stadt Nova Friburgo, Rio de Janeiro.

Die deutsche Kolonie „São Leopoldo“ wird am 25. Juli 1824 in Rio Grande do Sul gegründet. Danach werden, von der Krone gefördert, über viele Jahrzehnte Menschen aus den deutschsprachigen Gegenden Europas besonders in Südbrasilien angesiedelt. Eine neue Art der Kolonisierung, u.a. weg von der Latifundienwirtschaft, beginnt.

 

Selbst deutschstämmige Brasilianer haben von der bedeutenden Präsenz ihrer Vorfahren in der brasilianischen Frühgeschichte oft nie etwas gehört. In den Schulen und sogar Universitäten wird darüber nur in Ansätzen gelehrt. Meist konzentriert sich die Wissensvermittlung auf  das deutsche Element in Südbrasilien ab dem Beginn des 19. Jhds. Die brasilianische Geschichtsschreibung ist nach wie vor fast rein lusitanisch ausgerichtet. Möge dieses Buch dazu beitragen, seinen Lesern neue Einblicke in die Weltgeschichte, hier Südamerika mit seinem größten Land Brasilien, zu ermöglichen.