VORHER 1824 NACHHER

Die deutsche Einwanderung nach Rio Grande do Sul

 

*Telmo Lauro Müller

 

       Anläßlich der 180 Jahre deutscher Einwanderung nach Rio Grande do Sul

 

         Im allgemeinen wird die Geschichte eines Landes, eines Bundesstaates oder eines Regierungsbezirkes in Abschnitte aufgeteilt, wobei ein Ereignis als Einschnitt dient. Das bekannteste Ereignis, das als Basis für solch eine Gliederung in der Geschichtsschreibung dient, ist ohne Zweifel das Geburtsdatum von Jesus Christus. Grundsätzlich wird Geschichte demnach in die “vor Christus” (v. Chr.) und die “nach Christus” (n. Chr.) klassifiziert. Prägnante Geschehnisse in der Entwicklung einiger Völker oder Länder lassen natürlich Unterteilungen zu.

         Im speziellen Fall Rio Grande do Suls liegt ein sehr wichtiges Datum vor, das als Scheitelpunkt betrachtet werden kann: Die Ankunft der ersten deutschen Einwanderer in die damals genannte Provinz São Pedro do Rio Grande am 25. Juli 1824. Das Jahr 1824 ist es nun, welches die Zäsur zwischen “vorher” und “nachher” zuläßt. Dies bedeutet aber nicht, daß dieses Datum darauf hinweist, daß das “Vorher” besser oder schlechter, das “Nachher” besser oder schlechter gewesen wären.

         Dieses Datum bringt ganz wesentliche Modifizierungen mit sich, die eine Sequenzveränderung der Fakten zur Folge hat. In dem “Vorher” haben wir die portugiesiche Kultur, von vielen als die der Azoren bezeichnet. Die Viehzucht und alle damit zusammenhängenden Sektoren machten hier das Zentrum aller Aktivitäten aus. In späteren Zeiten ist der Gaúcho zu nennen, der Herr des Landes, der diese Gegend niemals verließ, weil sein ganzes Leben von der Viehzucht bestimmt war. Rinder wurden ja nun einmal auf dem Land gezüchtet.

         Das “Danach” wird von der deutschen Kultur bestimmt, die Rio Grande in erheblichem Maße prägen sollte.

         Ziel dieser Broschüre ist es, ein wenig von der Geschichte Rio Grandes “nach” 1824 zu berichten. Dies geschieht vor allem angesichts der 180 Jahre deutscher Einwanderung, die in diesem Jahr 2004 gefeiert werden. Verglichen mit der mehr als 2000 Jahre alten Geschichte der Städte Koblenz, Trier oder Bonn, stellen die 180  Jahre São Leopoldos, der ersten deutschen Ansiedlung in Rio Grande, eine verhältnismäßig geringe Anzahl an Jahren dar. Deswegen sind sie aber  nicht weniger wichtig. Gerade was in diesem kurzen Zeitraum in Rio Grande aufgebaut wurde, ist derart beachtlich, daß ein strukturierter Abriß mehr als gerechtfertigt erscheint.

 

 

Gründe der deutschen Auswanderung

         Wenn man von der deutschen Einwanderung vor 180 Jahren spricht, ist es zweckmäßig zu bedenken, welche Verhältnisse zu der Zeit in Deutschland, in Brasilien und in Rio Grande do Sul herrschten.

         Brasilien wies ein halbes Dutzend urbaner Zentren auf: Rio de Janeiro, die Hauptstadt des jungen brasilianischen Kaiserreichs; Salvador, die ehemalige Hauptstadt; Recife, São Paulo und provinziellere Siedlungen wie Porto Alegre.

         Brasilien wurde von der Arbeitskraft der Sklaven angetrieben. Die junge Nation lebte durch deren Schweiß, deren Blut und Tränen. Zucker, Vieh, Kakao, Edelsteine, alles entsprang ihrer Arbeit. Da die Zahl der Sklaven die der freien Menschen weitaus überstieg, begann die Zentralregierung an eine Einwanderung anderer Kategorie zu denken. Porto Alegre war die Hauptstadt der Provinz Rio Grande de São Pedro. Von weiterer Bedeutung waren, um noch weitere Ortschaften zu nennen, Viamão, Rio Pardo, Pelotas und Rio Grande. Die Viehwirtschaft, unauslöschlich mit der Geschichte des äußersten Südens verknüpft, machte ihren großen Reichtum aus. Auch hier war die Arbeit der Sklaven traurige Realität.

         Spricht man von Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts, muß man bedenken, daß man in Bezug auf dieses Territorium noch nicht von einem einheitlichen Nationalstaat sprechen kann. Statt dessen existierten voneinander unabhängige Königreiche, Fürsten- und Herzogtümer. Was jedoch alle durchgängig einigte, daher sprechen wir in diesem Zusammenhang von Deutschland, war die gemeinsame Sprache. Im Mittelalter überwogen viele Dialekte, die auch heute noch in vielfältiger und reichhaltiger Art und Weise in Deutschland vorzufinden sind.

         Mit Luther, der die Bibel übersetzte, damit die Deutschen sie lesen konnten, entstand die deutsche Sprache oder einfacher ausgedrückt, das Deutsche.

         Mit der Normierung der Sprache gab es zwischen allen politischen Gebieten des Mittelalters nun ein gemeinsames Bindeglied. Vor 1871, dem Jahr der durch Bismarck vollzogenen Einheit der deutschen Staaten und Gebiete, versteht man unter deutschen Einwanderern Menschen mit deutscher Muttersprache. Die Pässe dieser Zeit lassen die Herkunft der Menschen als aus Preußen, Schleswig-Holstein, Rheinland, Hessen oder aus Pommern stammend erkennen. Da alle dieselbe Sprache hatten, spricht die Geschichte in diesem Zusammenhang lediglich von “Deutschen”. Dies mindert aber nicht die Bedeutung der Einwanderung bei uns.

            Was motiviert nun aber eine Person, die Heimat zu verlassen? Bei unseren deutschen Einwanderern gab es, wie bei jedem Menschen, den natürlichen Wunsch, sich weiterzuentwickeln, die Verwirklichung der Träume anzustreben, was durch die aktuelle, zeitgenössische Situation in den Herkunftsländern nicht mehr gegeben war.

         In der deutschen Familie galt das sogenannte Erbrecht. Dieses besagte, daß der älteste Sohn das alleinige Erbrecht besaß. Familien mit acht, zehn oder mehr Kindern waren üblich, da wenig Arbeitskraft zur Verfügung stand. Die brasilianische Werbung, die zu der Zeit in Deutschland gemacht wurde, dürfte, diese Fakten berücksichtigend, somit den gewünschten Effekt gehabt haben: Viele sahen nun nämlich die große Möglichkeit, ihr eigenes Land besitzen zu können. Und was für Land! Sechzig oder siebzig Hektar waren eine ungeheure Menge Land. War es nicht an der Zeit, sich seine eigene Utopie zu erfüllen?

         Weiterhin muß in Betracht gezogen werden, daß die Napoleonischen Kriege zur Zeit des Immigrations-beginns Elend und Chaos über Deutschland gebracht hatten: Des öfteren verwüsteter Ackerbau, Häuser in Flammen, Tod, Dezimierung der männlichen Bevöl-kerung, Schändung der Frauen durch die Soldateska...

         Das Gebiet der Rheinländer entlang des Rheins, die die größte Gruppe der Auswanderer stellten, war schon seit jeher Schauplatz vieler kriegerischer Konflikte und Auseinandersetzungen gewesen. Somit ließe sich ihre Aufbruchsstimmung erklären. Es kristallisieren sich noch weitere Gründe heraus: Die Immigration setzte 1824 ein, siebzig Jahre nach der Erfindung der Dampfmaschine in England, deren technische Wirkung sich allmählich auf dem Kontinent bemerkbar machte. Diese läßt Arbeitskraft überflüssig werden. Die Aussicht auf Arbeitslosigkeit so vieler Menschen dürfte ebenfalls einen weiteren Einfluß auf die Auswanderung gehabt haben. Später werden wir erkennen können, daß die Handwerker, die in Deutschland immer mehr ihrer Möglichkeiten beraubt wurden, hier von großer Bedeutung gewesen sind. Sie schufen die Grundpfeiler der Industrialisierung in unserer Region.

         Abgesehen von diesen allgemeinen Faktoren gab es für jede Region, aus der Immigranten stammten (hauptsächlich dem Rheinland, Westfalen und Pommern), lokale Umstände, die den Weggang ihrer Söhne beeinflußten.

 

 

Gründe der Einwanderung nach Brasilien

         Warum kamen Deutsche nach Brasilien?

         Welcher Rheinländer wußte überhaupt, daß Brasilien existierte?

         Wo lag dieses Brasilien?

        

         Den politischen und staatlichen Stellen war Brasilien sicherlich allein schon deswegen ein Begriff, da die Tochter von Franz II., des letzten Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, gleichzeitig Franz I., erster Kaiser Österreichs aus dem Hause Habsburg, mit dem jungen Kaiser Pedro I. aus dem Hause Bragança vermählt war. Im Zusammenhang mit der deutschen Einwanderung erklang und erklingt, vor allem im Süden Brasiliens, auch heute noch der Name dieser Frau. Am 13. März 1817 ging die Erzherzogin Leopoldine Caroline Josefa mit dem Prinzen Dom Pedro ‘per procura’ in Wien die Ehe ein. Will man den Beschreibungen Glauben schenken, war Leopoldine nicht gerade eine umwerfende Schönheit, sehr wohl aber eine sympathische, aufmerksame, intelligente, bezaubernde Frau mit blondem Haar und blauen Augen. Wie in den Büchen festgehalten ist, eroberte sie die Brasilianer, die sie als “Mutter” bezeichneten, im Sturm. Und je mehr die Brasilianer ihren Kaiser mit allen seinen Lastern kennenlernten, nahm Leopoldine einen immer höheren Stellenwert bei ihnen ein. Leicht vorstellbar ist die Tatsache, daß eine deutsche Prinzessin, die Kaiserin Brasiliens war, die Einwanderung begünstigt haben dürfte. Leopoldine wußte, daß ihre Ahne Kaiserin Maria Theresia das Gebiet entlang der Donau hatte besiedeln lassen, um der Bedrohung des österreichischen Territoriums durch den Vorstoß der Türken in Richtung Zentraleuropa entgegenzuwirken.

         Brasilien erlebte eine ähnliche Situation im Süden. Dort fanden ständig Invasionen und kriegerische Auseinandersetzungen um die Verteidigung der brasilianischen Grenzen statt. Man dachte sich, daß eine etwas intensivere Kolonialisierung dieses Gebietes dazu beitragen könnte, die geopolitische Stabilität zu festigen. Die Azorianer, zu der Zeit die wahren “Herren” Rio Grandes, waren auch die “ewigen Wächter”. Es wird behauptet, daß sie nur mit einem geschlossenen Auge schliefen; das andere verblieb stets offen, um den Feind nahen zu sehen.

         Den Süden kolonisieren. Wo aber die Kolonisten hernehmen?

         Erst kürzlich hatte sich Brasilien von Portugal unabhängig erklärt. An portugiesische Kolonisten war also nicht zu denken. Spanier waren undenkbar, da sie in  dieser Gegend das Feindbild verkörperten. Die Franzosen kamen auch nicht in Frage, waren diese doch eines Tages in Rio de Janeiro eingefallen und hatten dort die “Französische Antarktis” gegründet. An die Engländer war genauso wenig zu denken. Diese hatten ebenfalls versucht, sich in Brasilien niederzulassen. Die Holländer kamen deswegen nicht in Betracht, da diese vierundzwanzig Jahre den Nordosten besetzt gahalten hatten. Warum aber nicht Deutsche!?Leopoldine war Deutsche. Preußen, das später Deutschland schaffen sollte, hatte ein Heer, welches Dom Pedro I., für sein militärisches Faible bekannt, für gut befand und sogar bewunderte. Brasilien benötigte Soldaten. Die Portugiesen waren durch die Unabhängigkeit ja nach Portugal zurückgekehrt. Wer würde Brasilien nun verteidigen? Dom Pedro I. interessierte sich für deutsche Söldner und, wohl möglich um seine militärischen Ambitionen nicht zu offen zur Schau zu tragen, beschloß er, Kolonisten unter Vertrag zu nehmen, die die südliche Region besetzen sollten.

         Um gezielt vorzugehen, wurde der Verwalter des Kaiserreichs Jorge Antônio von Schäffer nach Deutschland gesandt. Die Mission Schäffers wurde von vielen Mißgeschicken begleitet, obwohl sie insgesamt erfolgreich gewesen ist. Europa war darum bemüht, zu verhindern, daß Soldaten als Söldner abgeworben würden. Wünschte man auszuwandern, mußte man die Staatsangehörigkeit aufgeben. Man mußte außerdem Nachweise dafür erbringen, daß das Land, in welches man auszuwandern wünschte, bereit war, einem eine neue Staatsangehörigkeit zu verleihen. Somit versuchten sich die europäischen Länder vor späterer Verantwortung zu schützen.

         Die brasilianische Regierung lockte mit bezahlter Überfahrt, Verleihung der Bürgerrechte, Vergabe von Land, Versorgung mit dem anfänglich Notwendigsten, Baumaterialien, Werkzeugen und Vieh, Steuerbefreiung für einige Jahre und mit Glaubensfreiheit. In Brasilien gibt es folgende Redewendung: “Gibt es zu viele Almosen, wird der Arme mißtrauisch.” Höchstwahrscheinlich wird es Personen gegeben haben, die dieses Angebot als zu großzügig betrachtet haben. Später sollte sich diese Vermutung als richtig erweisen. Nach Rio Grande, um genauer zu sein, nach São Leopoldo zu kommen und eine Parzelle Land dreißig oder vierzig Kilometer vom Landungsort entfernt, ohne Straßen, ohne Schulen, im unberührten Urwald zu erhalten, muß viele Tränen verursacht haben. Und was die Glaubensfreiheit anbelangt, hätte die Regierung vorhersehen müssen, daß sich unter den Einwanderern ebenfalls Protestanten befanden. In der kaiserlichen Verfassung von 1824 war aber die katholische Religion als die offizielle Konfession verankert worden. Die sogenannte Glaubensfreiheit war somit verfassungswidrig. So durften Gottesdienste anderer Glaubensrichtungen nur im privaten Bereich, in Häusern gefeiert werden, die von außen nicht den Charakter einer Kirche haben durften.

 

 

Die Flachs-Hanffabrik

Bevor von den ersten deutschen Einwanderern die Rede sein soll, sollte man auf ein paar Einzelheiten der königlichen Flachs-Hanffabrik eingehen. Die Fabrik war eine Einrichtung der Regierung. Hanf ist eine krautartige Pflanze geringer Tragfähigkeit, aus der Fasern gewonnen werden, die bei der Herstellung von Seilen und Schiffssegeln verwandt werden. Höchstwahrscheinlich besaß Portugal Pflanzungen, die der alle Weltmeere befahrenden Flotte die Rohstoffe lieferte.

         Hier im äußersten Süden der Provinz São Pedro do Rio Grande wurde ein Betrieb in Canguçu, in der Region Pelotas gebaut. Da es keine Erträge gab, wurde er wieder geschlossen und nach Faxinal do Courita, auf das linke Ufer des Flusses Sinos verlagert. Seine Errichtung wird auf den 14. Oktober 1788 datiert.

         Wie es bei jedem landwirtschaftlichen Betrieb dieser Zeit üblich war, befand sich dort das steinerne Herrenhaus, in dem der Arbeit nachgegangen wurde und in dem der Verwalter oder eine andere Autorität der Fabrik wohnten. In den sogenannten senzalas hausten die Sklaven. Außerdem eixistierten noch Viehställe, die ebenfalls als Lager genutzt wurden.

         Die Erzeugnisse wurden über den Fluß Sinos nach Porto Alegre transportiert. Der Fluß stellte die wirtschaftliche Hauptverkehrsader der Region, des Tales dar. Die Fabrik brachte jedoch trotz allem nicht die erhoffte Produktivität und Effektivität. Am 31. März 1824, 36 Jahre nach seiner Errichtung, wurde der Betrieb endgültig eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt erhielt der Präsident der Provinz die Nachricht vom Hof, daß auf dem Gelände der Fabrik eine Kolonie mit deutschen Einwanderern eingerichtet werden solle.

 

 

Die ersten deutschen Einwanderer

         Die ersten vom brasilianischen Staat durch Jorge Antônio von Schäffer in Deutschland unter Vertrag genommenen Einwanderer, die Teil des ersten Kontingentes an Immigranten nach Brasilien waren, trafen, über Rio de Janeiro kommend, am 18. Juli 1824 in Porto Alegre ein.

         Seine Anweisungen befolgend, brachte der Präsident der Provinz, José Feliciano Fernandes Pinheiro, die Einwanderer zur sich am linken Ufer des Flusses Sinos befindenden und mittlerweile stillgelegten Fabrik. Es fällt leicht, sich die Reise den Sinos flußaufwärts vorzustellen: Eine üppig wuchernde Vegetation mit Bäumen und Blumen im Überfluß; viele Tiere, die am Flußufer leben: Kaimane, Wasserschweine, Sumpfratten, Steinmarder und ab und zu bestimmt auch mal eine Schlange, die faul auf einem in das Wasser gestürzten Baumstamm lag; am Himmel Vogelschwärme, die ihr Ballett live und in den prächtigsten Farben vorführen: Reiher, Kormorane. Eine Welt lauter bunter Vögel. Um es mit einem Wort auszudrücken: Traumhaft!!

         Eine vollkommen neue Welt tat sich für denjenigen auf, der 12.000 Kilometer weit gereist war, um sich eine neue Heimat zu suchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   São Leopoldo heute.                                  São Leopoldo früher

 

         Vom Fluß aus brachten Ochsenkarren die Einwanderer bis zur Fabrik. Es war der 25. Juli 1824, ein Sonntag, der Gründungstag der ersten deutschen Siedlung im Süden Brasiliens, die zur Stadt São Leopoldo werden sollte. Von allen Städten deutschen Ursprungs anerkannt, wird dieses Datum überall im Bundesstaat, sowie übrigens in ganz Brasilien, feierlich begangen.

 

 

         Das erste Kontingent deutscher Einwanderer bestand aus den folgenden 39 Personen:

         Miguel Kräme und Ehefrau Margarete, Katholiken.

         João Frederico Höpper, Ehefrau Anna Margarethe und deren Kinder Anna Maria, Christph, Johann Ludwig, Protestanten.

         Paul Hammel, Ehefrau Maria Theresa und deren Söhne Karl und Anton, Katholiken.

         Johann Heinrich Otto Pfingsten, Ehefrau Katharina und deren Kinder Karoline, Dorothea, Friedrich, Katharina, Maria, Protestanten.

         Johann Christian Rust (Bust?), Ehefrau Johanna Margarethe und deren Töchter Johanna und Luise, Protestanten.

         Heinrich Timm, Ehefrau Margarethe Anna und deren Kinder Johann Heinrich, Anna Katharina, Katharina Margarethe, Georg und Jakob, Protestanten.

         Augusto Timm, Ehefrau Katharina und deren Söhne Christoph und Johann, Protestanten.

         Kaspar Heinrich Bentzen, dessen Ehefrau auf der Reise starb, sein Verwandter namens Friedrich Gross und sein Sohn Johann Heinrich, alle Protestanten.

         Joachim Heinrich Jaacks, Ehefrau Katharina und deren Söhne Johann Heinrich und Johann Joachim, Protestanten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Oben Alt-Hamburg im neunzehnten Jahrhundert; unten Neu-Hamburg heute

 

In allen deutschen Kolonien gab es eine kleine Schule wie diese in Picada Moinho, São Lourenço do Sul

 

 

 

 

 

 

 

 

 

         Diese 39 Personen, sechs von ihnen katholischer und die übrigen 33 evangelischer Konfession, gründeten São Leopoldo. Dieser Name und dieser Ort existierten zu der Zeit natürlich noch nicht. Der Aufenthaltsort der Immigranten beschränkte sich vorest noch auf die Flachs-Hanffabrik.

         Die Situation in der Fabrik bei Ankunft der Deutschen ist nicht schwer vorstellbar. Ein merkwürdiger Ort, Menschen mit unbekannter Muttersprache und seltsamen Gebräuchen. Und warum strahlte dieser Ort bloß so eine Verlassenheit aus? Wenn man sich zudem noch einen kalten, nebligen und feuchten Wintertag im Sinostal vorstellt, dürfte die Ankunft eine heftige Wirkung auf die Menschen gehabt haben.

         Dieser Tag trug aber dazu bei, ein neues Rio Grande zu schaffen. Nun wird der Grund ersichtlich, warum die Geschichte Rio Grande do Suls in ein “Vorher” und ein “Nachher” nach 1824 gegliedert werden kann.

         Der ursprüngliche Siedlungskern erhielt zu Ehren der heiligen Schutzpatronin Leopoldine den offiziellen Namen “Deutsche Kolonie von São Leopoldo”. Bereits nach wenigen Jahren dehnte sich die Kolonie mit Tausenden von Einwanderern über das ganze Sinostal aus. Dem großartigen Architekten der “Deutschen Kolonie”, Präsident José Feliciano Fernandes Pinheiro, wurde, wie es für jemanden üblich war, der sich durch besondere Leistungen ausgezeichnet hatte, vom Kaiserreich der ehrenvolle Titel des Visconde de São Leopoldo verliehen. Eine außergewöhnliche Titulierung in der Historiographie der Gaúchos.

         Als der Visconde im Winter 1840 seine Memórias verfaßte, bezog er sich mit den folgenden Worten auf die “Deutsche Kolonie”:

         “Die Gründung der Deutschen Kolonie von São Leopoldo ist eine der herausragenden Ereignisse meiner Amtszeit. Es sei mir erlaubt, zu gestehen, daß ich sehr stolz darauf bin, meinen Namen mit der Schaffung so weitreichender Ergebnisse verknüpft zu sehen, deren Verwirklichung ich mit maximalem Einsatz gefördert habe. Ich selber schritt zur Prüfung und Erkundung der am geeignetsten erscheinenden Örtlichkeit, die als Standort der Kolonie dienen sollte. Und so verbrachte ich den 13., 14. und 15. Dezember 1824 damit, das ganze Land auf beiden Uferseiten des Sinos-Flusses zu begehen, welches zur früheren königlichen Flachs- Hanffabrik gehört hat. Ich erließ die Vorgaben, nach denen sich der von mir ernannte, einstweilige Bevollmächtige zu richten hatte.

         Meine Zufriedenheit angesichts des Erblühens und Gedeihens dieses vielversprechenden Siedlungskerns der Kolonisierung, dem ersten und wichtigsten Brasiliens, nimmt jeden Tag zu.”

         Verständlicherweise trägt das in São Leopoldo gelegene Museum, der Einwanderung und Kolonisierung gewidmet, den Namen des Visconde de São Leopoldo.

         Mit Ankunft der deutschen Einwanderer verwandelte sich das Antlitz Rio Grandes. Die damit einhergehenden Veränderungen waren vielfältiger Natur.

Im wirtschaftlichen Bereich ist zu erwähnen, daß die landwirtschaftliche Produktion in wenigen Jahren aufblühte. Dies ging sogar so weit, daß die Hauptstadt Porto Alegre versorgt werden konnte. Abgesehen von der landwirtschaftlichen Arbeit waren die Deutschen auch Handwerker. Sie bearbeiteten Holz, Eisen, Leder und Fasern verschiedener Art. Viele Eingennamen in Deutschland gehen auf diese Handwerksbezeichnungen zurück: Schmidt (Schmied), Schuster, Schuhmacher, Weber, Zimmermann, Schreiner, Schneider, Wagner, Müller. Mit ihrer Arbeit schufen die Handwerker die Ausgangsbasis für die Industrialisierung in Rio Grande. Daß sich im Sinostal dementsprechend besonders viel Industrie konzentrierte,  ist wenig verwunderlich. Viele große Unternehmen, die ihren Ursprung in deutschen Städten hatten, begannen mit einem sehr kleinen Handwerksbetrieb, in kleinen Häuschen mit Tür und Fenster, in denen alles mit Hand gefertigt wurde. Aurélio Porto erläutert in dem wichtigen Werk O Trabalho Alemão no Rio Grande do Sul (Die Deutsche Arbeit in Rio Grande do Sul) aus dem Jahre 1934, daß das Wort serigote, eine Art Sattel, aus dem Deutschen stammt. Die Sattler aus São Leopoldo stellten Produkte her, die von den Gaúchos aus Cima da Serra (São Francisco de Paula) erworben und als sehr gut bezeichnet wurden. Aus diesem sehr gut dürfte das Wort serigote entstanden sein.

Die Sportvereine der deutschen Immigranten

führten das Geräteturnen ein. Auf dem Bild

sind die Sportler der Sociedade Ginástica de

São Leopoldo zu sehen.

 

         Die Schulen verdienen, um beim kulturellen Bereich zu bleiben, eine ganz besondere Erwähnung. Da die Kolonisten keine Schulen bei ihrer Ankunft hier vorfanden, gründeten sie diese, um den Kindern lesen, schreiben und rechnen beizubringen. So entstanden die Schulen der Gemeinden, die im Deutschen als ‘Gemeindeschule’ bezeichnet werden. Tief im Urwald gab es keinen mit dem Buschmesser freigeschlagenen Weg, an der nicht eine kleine Schule in Betrieb gewesen wäre. Die Kinder kamen von weit her, der Einzugsradius machte vier oder mehr Kilometer aus. Einige kamen sogar zu Pferde! Das Schulmaterial war äußerst einfach: Schiefertafel, Griffel und etwas später das Lesebuch. Diese Schulen, deren Anzahl jedes Jahr zunahm und die durch die Ankunft weiterer Immigranten an zusätzlichen Standorten errichtet wurden, gewährleisteten Tausenden und Abertausenden den Zugang zur Bildung.

         Gegen 1938 existierten mehr als tausend Kolonialschulen. Das Brasilianische Institut für Geographie und Statistik registriert auch heute noch die geringste Analphabetenquote in der “Deutschen Kolonie”.

         Im kulturellen Bereich ist außerdem zu bemerken, daß die Deutschen dem Vereinsleben sehr zugetan sind. Sie schätzen es sehr und mögen ungern darauf verzichten. Das kalte Klima dürfte einen Einfluß auf dieses Verhalten haben, da sich die Menschen in den heißen Klimaregionen ja meist außer Haus, weit ab von der Gemütlichkeit des heimischen Herdes, aufhalten. Das intensive Familienleben und die Versammlung in Freizeitlokalen und in Vereinen ließen Musik- und Theatergruppen, sowie Chöre entstehen. Die Choräle, die sich in unserem Bundesstaat solcher Beliebtheit erfreuen, sind ein maßgebliches deutsches Erbe.

         Es gibt keine Kleinstadt deutscher Herkunft, in der nicht in Männer-, Frauen- oder in gemischten Chören gesungen würde. In den Gemeinden finden sich Chöre, die, wenn sie auch klein sein mögen, den Gottesdiensten Glanz verleihen, Beerdigungen begleiten oder auf den Kirchenfesten für eine fröhliche Atmosphäre sorgen.

         Die Deutschen haben einen ganz elementaren Beitrag zum Vereinsleben in Rio Grande do Sul geleistet. Da sie relativ isoliert in ihren Kolonien lebten, konnte ihr Leben ja nur so verlaufen, wie sie es in ihrem Vaterland geführt hatten!

         Das Deutsche war ihre Sprache, allmählich lernten sie jedoch portugiesisch und verdeutschen schließlich Worte wie:

         carreta (Karren)            carret

         laranja (Apfelsine)        range

         jararaca (Giftschlange)         scharak

         Die linguistische Verbindund hatte einen lokalen Dialekt, vielmehr eine Vermischung des Portugiesischen mit dem hunsrücker Dialekt - von den rheinländischen Immigranten importiert - zur Folge.

         Arbeit und noch einmal Arbeit, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, mit schwieligen Händen verrichtet. Am Sonntag stand für Männer, Frauen und junge Menschen jedoch ein ganz spezieller Tag zur Verfügung, an dem man Gott lobpreisen und für alles danken konnte. Die Gottesdienste und Messen führten alle zusammen. Diese hatten eine große soziale Bedeutung, da viele sehr weit voneinander entfernt lebten. Aus der Notwendigkeit, ein Leben in Gesellschaft zu führen und in nostalgischer Erinnerung an die Freizeit, wie sie in der fernen Heimat gestaltet worden war, entstanden die Gemeinschaften, die das soziale Leben in unserem Bundesstaat charakterisierten und auch heute noch charakterisieren: Turnvereine, Gesangsvereine, Schützenvereine. Immer dort, wo sich deutscher Einfluß findet, ist wenigstens einer von ihnen ein wichtiger Bestandteil der Gemeinschaft. Viele dieser Vereine können bereits auf ein hundertjähriges Bestehen zurückblicken. Neben bestimmt vielen anderen hundertjährigen Vereinen, die sich unserer Kenntnis entziehen, wären beispielsweise folgende zu nennen: Sociedade Germânia, Porto Alegre, 1855; Sociedade Orfeu, São Leopoldo, 1858; Sociedade Leopoldina, Porto Alegre, 1863; SOGIPA, Porto Alegre, 1867; Sociedade Atiradores, São Leopoldo, 1878; Sociedade Ginástica, São Leopoldo, 1885; Sociedade Aliança, Novo Hamburgo, 1888; Sociedade Atiradores, Novo Hamburgo, 1892; Sociedade Ginástica, Novo Hamburgo, 1894; Sociedade de Canto União, Estância Velha, 1894.

         Schulen, Vereine, Gruppen zur gegenseitigen Hilfe, später Krankenhäuser zeugen für die Art der Immigranten und ihrer Nachkommen, in Gemeinschaft zu leben. Ein weiterer wichtiger Aspekt, den es in diesem Zusammenhang zu nennen gilt, ist folgender: Die deutschen Jesuitenpatres, die 1859 nach São Leopoldo gekommen waren und schon lange in den Siedlungen gewirkt hatten, führten die Kolonisten in Gemeinschaften zusammen, die ebenfalls Vereine genannt werden. Der Bauernverein war einer von ihnen, der großen Einfluß im Arbeits-, Umweltschutz- und im Gesundheitsbereich der Kolonisten hatte. 1912 wurde der Volksverein gegründet, der heute noch existiert und seinen Sitz in Nova Petrópolis hat. Der Jesuit Theodor Amstad entwickelte mit ländlichen Sparkassen ein an Raiffeisen angelehntes Sparmodell.

 

Die Expansion kolonialer

Siedlungen

         Die “Deutsche Kolonie von São Leopoldo” erstreckte sich von Sapucaia do Sul im Süden bis Campo dos Bugres, heute Caxias do Sul, im Norden und von Taquara im Osten bis Montenegro im Westen. Es war das große Land, welches durch die Flüsse Sinos und Caí seine Gestalt erhalten hatte. Mit der Ankunft weiterer Immigranten entstanden neue Siedlungen in den Tälern der Flüsse Taquari (Estrela, Lajeado, Teutônia und andere), Pardo und Pardinho (Santa Cruz do Sul, Venâncio Aires, Candelária) und im Süden des Bundesstaates (São Lourenço). Diese hier genannten und andere in unmittelbarer Nähe gelegene Siedlungen werden als Siedlungen der “zweiten Generation” bezeichnet. Ende des letzten und zu Beginn dieses Jahrhunderts tritt das Gebirge als Siedlungsstandort mit den Orten Ijuí, Santa Rosa, Panambi, Cerro Largo und dutzender anderer Gemeinden in Erscheinung.

         Übrigens, ab 1824 breiteten sich die Immigranten und später ihre Nachkommen dritter, vierter und fünfter Generation in Brasilien aus. Sie besiedelten den Westen Santa Catarinas, nachdem sie den Fluß Uruguay überquert hatten und ließen sich im Westen von Paraná, in Mato Grosso do Sul und Mato Grosso nieder. Heute haben sie bereits Rondônia erreicht. Dort sprechen Menschen mit blauen Augen und blondem Haar beim Genuß des unvermeidlichen Chimarrão (Mate-Tee), zumeist in deutsch, sehnsüchtig von Rio Grande do Sul.

         Folglich ist es nicht erstaunlich, daß alle diese Orte und viele andere Siedlungen Musikkapellen, Brathähnchen, Schweinebraten, Gemüse, Sauerkraut, Würstchen, Roggenbrot und Bier schätzen. Dinge, die alle eben gerne mögen. Und wer mag Kolonialgerichte schon nicht gerne?

 

Die Kolonialküche

         Redewendungen wie “Liebe geht durch den Magen” dürften allen menschlichen Gesellschaften gemein sein. In der deutschen Küche dürfte es mit den Gerichten, die so viele begeistern, nicht anders sein. Zu Beginn der Kolonisierung muß es für die Immigranten nicht einfach gewesen sein, sich an die lokalen Lebensmittel zu gewöhnen, da ihre eigenen erst nach langer Zeit kamen. Maniok, Batate, schwarze Bohnen, Brot aus Maismehl, Sago und andere Leckerbissen dürften somit auf verständlichen Widerstand gestoßen sein. Nach und nach faßte die deutsche Küche jedoch langsam Fuß. Heute feiert man einen Schweinebraten, ein gefülltes Hähnchen, Sauerbraten, ein Bockwürstchen, Kartoffelpüree, einen Teller Gemüse oder den unvergleichlichen Nachtisch, die Kuchen und Torten. Bei dem Wort “Apfelstrudel” läuft einem das Wasser im Munde zusammen.

         Heute finden sich Restaurants, die sich auf deutsche Gerichte spezialisiert haben. Und wenn diese Gerichte dann auch noch mit Bier oder einem Pils begossen werden, kann einem zum Glück doch wirklich nichts mehr fehlen. An dieser Stelle soll auf die 180 Jahre deutsche Einwanderung angestoßen werden. Genauso, wie es in der deutschen Kolonie auch immer getan wird – Prosit oder Prost!

 

Die Nationalisierung

         Die dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts bescherten der “Deutschen Kolonie” schwierige Zeiten. Die Ära der mächtigen Diktaturen war angenbrochen: Salazar in Portugal, Mussolini in Italien, Stalin in Rußland, Hitler in Deutschland, Vargas in Brasilien. Alle diese Diktaturen haben eines gemein: Sie basierten auf der Zentralisierung der Regierung. Außerdem unternahmen sie alles Erdenkliche, um ihren Einfluß auszudehnen, zwangen anderen ihre Methoden auf und gingen sogar soweit, Menschen zu liquidieren, wenn sie es für notwendig hielten. Und dies alles so, als würde es sich dabei um die normalste Sache der Welt handeln!

         Die Ideologie Hitlers hatte viele Anhänger in verschiedenen Ländern. In Brasilien war Diktator Vargas anfänglich einer der Sympathisanten. Nicht nur in Rio Grande do Sul, sondern auch in anderen Bundesstaaten litt die “Deutsche Kolonie” unter dem Einfluß deutscher Agenten, die versuchten, den National-Sozialismus zu verbreiten und Mitstreiter sowie Anhänger zu finden. Aber daraus, wie behauptet wurde, zu schließen, daß “die deutschen Kolonisten Nazis waren”, ist doch sehr weit an den Haaren herbeigezogen.

         Dasselbe haben die italienischen Kolonisten im Bezug auf den Faschismus erleiden müssen.

Denkmal zur Hundertjahrfeier der deutschen Einwanderung,

das 1924 errichtet wurde. Es ist ein Meilenstein in São Leopoldo.

 

         Die Regierung Vargas versuchte der Propaganda Hitlers entgegenzuwirken, indem sie sich der sogenannten Strategie der “Nationalisierung” bediente. Dadurch beabsichtigte die Regierung, eventuelle deutsche Einflußnahme im politischen Bereich so weit wie möglich zu minimieren. Wie bei allen solchen Unterfangen wurde dabei teilweise richtig vorgegangen, vielfach aber auch übertrieben. Wer weiß, vielleicht wurde sogar eher mehr übertrieben als angemessen reagiert. Wurde auf der einen Seite danach gestrebt, die Nachkommen der Deutschen schneller und effektiver zu integrieren, was ohne Zweifel ein sehr löbliches Vorhaben ist, kann auf der anderen Seite nicht vergessen werden, daß die Regierung seit Anbeginn der Kolonisierung wenig oder gar nichts unternommen hat, um diese Integration auf natürlichem Wege zu vollziehen. Das bedeutet, daß die Immigranten im Laufe der Zeit allmählich eingegliedert werden sollten. Es sah aber vielmehr so aus, daß die Kolonisten sich gezwungen sahen, nachdrückliche Anfragen an die offiziellen Stellen zu richten, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Der Bau und die Instandsetzung der Straßen wurde hinausgezögert. Es gab außerdem wenig Interesse, in Erfahrung zu bringen, wie die Kolonisten tief im Urwald mit Kommunikationsschwierigkeiten und Problemen im öffentlichen Gesundheitswesen zurechtkamen. Da die Regierung keine Schulen eröffnete, wurden sie, wie es der deutschen Art eigen ist, eben von den eigenen Gemeinden betrieben. Durch die Nationalisierung wurde der Gebrauch der deutschen Sprache, Zeitungen und andere Publikationen in deutscher Sprache verboten. Untersagt waren deutschsprachige Gottesdienste und Zusammenkünfte in Vereinen, deren Verwaltung nun vollkommen auf portugiesisch abzuwickeln war.

         Es kam noch schlimmer: Nachdem die Lehrer - unter den Katholiken und Protestanten gab es mehr als tausend von ihnen - in Verdacht geraten waren, wurden in allen Ecken und Winkeln Schulen geschlossen. Da der Regierung die Voraussetzungen fehlten, um alle Schüler sofort übernehmen zu können, ist die somit entstandene chaotische Situation leicht vorstellbar. Früher Freude mit Bällen, Festen, Theateraufführungen und Gesang verbreitend, schwiegen die Vereine fortan. In der Kolonie machte sich Angst breit. Von Natur aus war der Kolonist ja schon recht zurückhaltend. Jetzt wurde diese Reaktion noch verstäkt. Trotz allem unterließ es aber niemand, zuverlässig seinen Pflichten nachkommen und ordnungsgemäß seine Steuern zu entrichten.

         Die Traditionen hatten unter der Nationalisierung jedoch sehr zu leiden. Diese sind, wie man im Centro de Tradições Gaúchas (CTG) in São Leopoldo lesen kann, “die Seele eines Volkes”. Gegen diese Seele wurde jetzt aber vorgegangen. Die Kolonisten und sogar die Stadtbewohner ließen von traditionellen Tänzen, den Liedern in der Sprache ihrer Vorfahren ab; die Kerb verlor ihren Zauber und das Schützenfest seinen eigentlichen Charakter. Eine ganze Generation wurde ihrer Wurzeln beraubt. Dies ist deshalb so gefährlich, weil jeder Mensch wissen muß, wer er ist, woher er kommt und wohin er strebt. Ist das Gegenteil der Fall, treibt er sozusagen orientierungslos und ohne Identität umher. Das Verlernen der Sprache war ein unwiederbringlicher Verlust. Während des Zweiten Weltkrieges verstärkte sich dies noch mehr. Erst danach sollte sich das Leben in der Kolonie wieder allmählich dem früheren Rhythmus annähern. Heute wird die deutsche Sprache auch in öffentlichen Schulen gelehrt. Die Musikkapellen erfreuen wieder diejenigen, die die Freizeit in der Kolonie schätzen.

         Ein Volksprichwort besagt, daß verflossene Wasser keine Mühle mehr treiben. Das was geschehen ist, ist geschehen. Vielen Behörden im Inneren des Bundesstaates muß zugute gehalten werden, daß sie sehr zurückhaltend reagierten, da sie die Gemeinden kannten, in der sie wirkten, und wußten, daß dort gute Brasilianer lebten, deren einziges Vergehen es war, deutscher Herkunft zu sein. Unglücklicherweise mußten die wenigen Demagogen der abstrusen Ideologie, die all dies herausfbeschworen hatten, nie für das bezahlen, was sie verbrochen hatten.

         Probleme beiseite! Das Wichtige ist, daß heute, durch die allgemeine Weltlage, mit dem Fall der traditionellen Schranken zwischen den Völkern (man denke allein nur an die Berliner Mauer), die Diktaturen weggefegt wurden und alle ein Brüderlichkeitsgefühl haben. In Rio Grande do Sul hat die deutsche Kultur wieder ihren alten Platz eingenommen: Es existieren dutzende Tanzgruppen, die Musikkapellen mit Blasinstrumenten spielen erneut alte deutsche Weisen. Die deutsche Sprache ist heute eine Notwendigkeit, was die Bindung an Europa betrifft. Fabriken, Filialen deutscher Firmen tragen zu unserer Wirtschaft bei. In der UNISINOS – Universität des Sinostals – in São Leopoldo geht das Institut zur Ausbildung von Lehrern in deutscher Sprache (Instituto de Formação de Professores de Língua Alemã, IFPLA) seinen Aufgaben nach. Insgesamt gesehen eine neue Situation, die von gebildeten und angesehenen Menschen in Gang gesetzt worden ist.

         Dies alles nun anläßlich der 180 Jahre deutsche Einwanderung, die voller Begeisterung am 25. Juli gefeiert werden. Um dieses so wichtiges Datum hervorzuheben, wurden sowohl in Rio Grande do Sul als auch außerhalb des Bundesstaates viele gesellschaftliche und kulturelle Aktivitäten durchgeführt – einschlieslich Veranstaltungen in Verbindung mit der Wirtschaft, mit denen viele Orte ihre Vorfahren ehren.

         Verbleibt jetzt noch die Inschrift des Denkmals zur Hunderjahrfeier der deutschen Einwanderung in São Leopoldo wiederzugeben: “Den Vätern zum Gedächtnis.”

 

 

Berühmte Persönlichkeiten

Kurze Namen-Aufstellung von berühmten Deutschen oder deren Nachfahren, die in unterschiedlichen Lebensbereichen der Gaúchos hervortraten und während der Erstellung dieser Broschüre nebenbei notiert wurden. Auf die Nennung von lebenden Persönlichkeiten wurde verzichtet.

 

Kolonisierung

Johann Daniel Hillebrand, Peter Kleudgen, Jacob Rheingantz, Hermann Faulhaber

 

Politik

Arno Phillip, Guilherme Gaelzer Neto, Lindolfo Collor, Alberto Bins, Wolfram Metzler, Egidio Michaelsen, Siegfried Heuser, Wilhelm von Ter Brüggen, Edgar Luiz Schneider, Jacob Kroeff Neto, Frederico Linck, Edmundo Bastian, Bruno Born, Antônio Campani, Albano Volkmer, Gastão Englert

 

Journalismus

Karl von Koseritz, Hugo Metzler, Franz Metzler, Caesar Reinhardt, Germano Gundlach, Ulrich Löw

 

Erziehung

Emilio Meyer, Augusto Geisel, Luiz Englert, Hans Grimm, Mathias Schütz, Theodor Grimm

 

Wirtschaft

Otto Ernst Meyer/VARIG, Antonio Jacob Renner, João Wallig, João Gerdau, Frederico Mentz, Bopp, Sassen, Ritter/Continental, Alberto Bins/BERTA, Jacob Blauth, Jacob Becker, Jacob Arnt, Jacob Michaelsen, Carlos Trein F°, Luis Rau, Emil Schenk, J. Aloys Friedrichs, Pedro Adams F°, Ernesto Neugebauer

 

Naturwissenschaften

Pe. Balduino Rambo SJ, Hermann von Ihering, Rudolf von Ihering, Pe. Aloisio Sehnem SJ, Alarich Schulz

 

Religion/Erziehung

Pe. Ambrosio Schupp SJ, Pe. Carlos Teschauer SJ, Pe. João Batista Hafkemeyen SJ, Pe. Luiz Gonzaga Jaeger SJ, Pe. João Rick SJ, Pe. Urbano Thiesen SJ, Pe. João Batista Reus SJ, Pe. Werner von und zur Mühlen SJ, Pastor Wilhelm Rotermund, Pastor Hermann Dohms, Pastor Rodolfo Saenger, Pastor Karl Gottschald, Pastor Karl Hunsche, João Kardinal Becker, Vicente Kardinal Scherer

 

Geisteswissenschaften

Augusto Meyer, Walter Spalding, Clodomir Vianna Moog, Erich Fausel, Pe. Mathias Gansweidt SJ, Robert Avé-Lallement

 

Sport

Willy Seewald, Júlio Kunz, Celso Morbach

 

Kunst

Pedro Weingärtner, José Lutzenberger, Max Brückner, Léo Schneider, Roberto Eggers, Samuel Dietschi, Herrman Rudolf Wendroth, Max Maschler

 

Architektur/Ingenieur

Josef Grünewald, Theo Wieder-spahn

 

 

Bibliographie

Kurze Liste von Veröffentlichungen über die deutsche Einwanderung:

 

Anais, Simpósio de História da Imigração e Colonização Alemã no Rio Grande do Sul, São Leopoldo, volumes I, II, III, IV, V e X.

 

Becker, Klaus. Alemães e Descendentes na Guerra do Paraguai. Canoas: Hilgert, 1968.

 

___. Enciclopédia Rio-Grandense. Porto Alegre: Sulina, 1968.

 

Bento, Claudio Moreira. Estrangeiros e Descendentes na História Militar do Rio Grande do Sul. Porto Alegre: A Nação DAC/SEC, 1976.

 

Coaracy, Vivaldo. A Colônia de São Lourenço e seu Fundador Jacob Rheingatz, São Paulo: Saraiva, 1957.

 

Comissão do Sesquicentenário da Imigração Alemã/Álbum Oficial. Porto Alegre: Edel, 1974.

 

Dreher, Martin N. Igreja e Germanidade. Porto Alegre: EST, 1984.

 

Flores, Hilda. Memórias de um Imigrante Boêmio. Porto Alegre: EST, 1981.

 

Fouquet, Carlos. O Imigrante Alemão. São Paulo: Instituto Hans Staden, 1974.

 

Gertz, René E. O Perigo Alemão. Porto Alegre: UFRGS, 1991.

 

Hunsche, Carlos Henrique. O Biênio 1824/25 da Imigração e Colonização Alemã no Rio Grande do Sul. Porto Alegre: A Nação, 1975.

 

___. O Ano de 1826 da Imigração e Colonização Alemã no Rio Grande do Sul. Porto Alegre: Metrópole, 1977.

 

Kipper, Maria Hoppe. A Campanha de Nacionalização em Santa Cruz. Santa Cruz do Sul: AESC, 1979.

 

Koch, Walter. Der Kolonist im Spiegel der Erzählungen des Koseritz-Kalenders. Porto Alegre: EMMA, 1964.

 

Kreutz, Lúcio. O Professor Paroquial. Magistério e Imigração Alemã. Porto Alegre: UFRGS, UFSC, EDUCS, 1991.

 

Lemos, Juvêncio Saldanha. Os Mercenários do Imperador. Porto Alegre: Palmarinca, 1993.

 

Martin, Hardy. Santa Cruz do Sul de Colônia a Freguesia. Porto Alegre: EDUC/EST, 1979.

 

Moehlecke, Germano O. Os Imigrantes Alemães e a Revolução Farroupilha. Porto Alegre: EDUCS, 1986.

 

Moraes, Carlos de Souza. O Colono Alemão. Porto Alegre: EST, 1981.

 

Müller, Telmo Lauro. Cozinha Alemã. São Leopoldo: Rotermund, 1976.

 

___. Colônia Alemã. Histórias e Memórias. UCS/EST, 1978.

 

___. Colônia Alemã. Imagens do Passado. EST, 1981.

 

___. Colônia Alemã - 160 Anos de História. EST/EDUCS, 1984.

 

___. Sociedade Ginástica São Leopoldo/Cem Anos de História. São Leopoldo: Rotermund, 1986.

 

Oberacker, Carlos Henrique Jr. A Contribuição Teuta à Formação da Nação Brasileira. Presença, 1968.

 

___. Jorge Antônio von Schaeffer. Porto Alegre: Metrópole/DAC/SEC, 1975.

 

Porto, Aurélio. O Trabalho Alemão no Rio Grande do Sul. Porto Alegre: Santa Teresinha, 1934.

 

Roche, Jean. A Colonização Alemã e o Rio Grande do Sul. Porto Alegre: Globo, 1969.

 

Schilling, Voltaire et al. Culturas em Movimento. Guaíba: Riocell, 1992.

 

Truda, F. de Leonardo. A Colonização Alemã no Rio Grande do Sul. Porto Alegre: Tip. do Centro, 1930.

 

Verband Deutscher Vereine (Federação das Sociedades Alemãs). Hundert Jahre Deutschtum in Rio Grande do Sul. Porto Alegre: Tip. do Centro, 1924.

 

Visconde de São Leopoldo. Anais da Província de São Pedro. Rio de Janeiro: INL, 1946.

 

Weimer, Günter. Arquitetura da Imigração Alemã. Porto Alegre: UFRGS, 1983.

 

 

*Prof. Telmo Lauro Muller ist Direktor des Museu Histórico Visconde de São Leopoldo (Einwanderermuseum von São Leopoldo). www.museuhiustoricosl.com.br